Linie

„Draw a distinction“ sagt George Spencer-Brown wp, wir sollen also eine Unterscheidung zeichnen?
Das ist viel klarer, als die Idee, eine Unterscheidung zu treffen oder einen Unterschied festzustellen. Das Treffen ist zwar aktiv wie das Zeichnen, aber es kling wie das Abhaken einer vorher festgelegten Checkliste oder wie das Entscheiden für eine von zwei (oder doch sehr wenigen) Optionen. Das Feststellen kling schon viel weniger aktiv, es ist wie bei den Bilderrätseln in den Zeitungen ‚finde die zehn Unterschiede‘, die sind vorher schon da und ‚objektiv‘ erkennbar.
Eine Unterscheidung zu zeichnen, klingt wie das Schreiben oder Zeichnen auf einem leeren Blatt, die Form entsteht erst mit dem Tun oder wie das markieren von Text oder Bildausschnitten auf einem bedruckten Blatt.

Man könnte auch sagen: Ziehe eine Linie

Die Linie kann eine Ansammlung von Punkten sein, die sich eben zu einer Linie anordnen oder sie kann die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten sein, dann bildet sie eine Strecke, also einen Teilabschnitt von einer unendlich langen Gerade.

Wobei sowohl Linie als auch Strecke in der Umgangssprache nicht gerade sein muss und auch die Gerade in der Praxis nie unendlich ist (gibt es das überhaupt oder ist es nur eine gedachte Transzendenz?), denken wir bei diesen Begriffen für gewöhnlich an etwas Menschengemachtes oder zumindest Gedachtes. Existiert die Horizontlinie wirklich? Trennt die Linie eine Blatt in zwei Teile? So wie in der Geometrie eine unendlich lange Gerade eine unendlich breite Ebene in zwei (gleichgrosse) Teile teilt (weil die Gerade selber keine Breite hat, das hat sie von den Punkten geerbt aus denen sie besteht)?

So einfach ist es nicht, die reale Linie hat ein Breite und damit teilt jede Linie das Blatt in mindestens zwei Teile, den auf dem die Linie ist und den auf dem sie nicht ist (vergleiche den Einsatz von Textmarkern, hier markiert die breite Linie den Text, vergl. auch die Etymologie von Marke, die mit dem Zeichen verwand ist, das markieren ist also auch ein (be)zeichnen und Kennzeichnet den Unterschied zwischen dem Unbezeichneten und dem Bezeichneten und führt uns auch an die Grenze, die ebenfalls durch eine Linie bezeichnet ist oder ist die Grenze eine eigene Menge, markiert durch eine Linie? vergl. Gronemeyer ex).

Flusser ex meint, das Texte ebenfalls Linien sind (statt Punkten werden hier Buchstaben an einander gereiht) und Gomringer wp meint sogar (sinngemäss, so weit ich mich erinnere, bei der Eröffnung der Cage Ausstellung 1991 in der neuen Pinakothek), dass alle Texte eine unendliche Linie bilden.
Heute wird viel über nichtlineares Erzählen nachgedacht (z.B. bei den Games). Dabei sind Geschichten (ist Geschichte) immer linear, also nicht unbedingt gerade, gern auch verschlungen, aber immer von A nach B nach … Z.

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2 Antworten zu „Linie“

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